Kauf und Spende in einem – fraisr

Lukas von FraisrWie kann man bequem und ohne Kosten dafür sorgen, dass etwa Weihnachtseinkäufe auch Dritten, z.B. Hilfsorganisationen, zugute kommen? Mit Lukas Fischer von fraisr konnten wir vor kurzem ein Interview führen und erfuhren, wie man als Konsument ganz beiläufig spenden kann.

smallternative: Lukas, Du bist Mitgründer von fraisr, einem Online-Marketplace, der das Einkaufen und Verkaufen an Spenden knüpft. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Lukas: Wir – Alex, mein Mitgründer, und ich – haben bei unserer früheren Arbeit in einer Werbeagentur beobachtet, dass Projekte Resonanz erzeugen müssen, um relevant zu sein. Die meisten Unternehmen erzeugen keine Resonanz, weil die Interaktion mit ihren Kunden rein konsumistisch getrieben ist. Gleichzeitig gibt es viele Themen, die eine starke „Talkability“ aufweisen, die wir gerne „teilen“ und die hohe Aufmerksamkeit erzeugen können. Dazu gehören z.B. Themen aus dem sozialen Bereich oder aus dem Arbeitsumfeld der NGOs. Über Projekte mit sozialer Relevanz, z.B. Aktionen von Amnesty International, reden wir gerne, allerdings haben diese Organisationen Schwierigkeiten Geld zu bekommen. Wir dachten uns daher: Wäre es nicht eine gute Idee, wenn wir das Konsumieren mit dem verbinden, was wirklich relevant ist und den Konsum mit einer guten Tat und einem sozialen Moment verknüpfen können? So kamen wir auf das Konzept von fraisr.

smallternative: Wie genau funktioniert das Konzept? Wie läuft ein Kauf ab?

Lukas: Wir haben zwei Modelle. Das eine: Du listest ein Produkt als Verkäufer auf dem Marktplatz und bestimmst, welchem Spendenpartner ein Einkauf zugute kommen soll. Vier Wochen nach dem Verkauf ziehen wir dann den Spendenanteil ein und leiten ihn an den Spendenpartner weiter. Als Spendenpartner kann man sich wiederum gegen Nachweis der Gemeinnützigkeit listen lassen.
Das zweite Modell ist neu: Wenn Du als Online-Shop-Betreiber eine bestimmte Shopsoftware, konkret: Magento, nutzt, kannst Du ein Plugin von fraisr installieren und mit diesem jenseits vom fraisr-Marktplatz das fraisr-Prinzip in Deinem Shop nutzen. Die Produkte werden dann auch bei fraisr „gespiegelt“, der Verkauf findet aber im jeweiligen Online-Shop statt.

fraisr_marketplacesmallternative: Was treibt Euch an – was ist die Motivation von Dir und dem Team.

Lukas: Die Motivation von uns allen ist glaube ich, dass man das „Betriebssystem Kapitalismus“ auch anders bespielen kann. Wir denken, dass man die „Power“, die in diesem System steckt, geschickt nutzen, sozusagen „hacken“ kann, um seine Kraft auch Organisationen wie Sea Shepherd oder Reporter ohne Grenzen zugute kommen zu lassen. Dabei wollen wir soziales Engagement in Zielgruppen bringen, die damit bisher kaum etwas zu tun hatten und hoffen, dass ein solcher Einkauf mit Spende dann etwas auslöst – ein Umdenken bewirkt. Das wäre der Traum. Wir wollen die Leute niedrigschwellig einmal mit dem Thema in Berührung bringen und sie so motivieren. Wenn Geld unser Antrieb wäre, würden wir definitiv nicht fraisr machen.

smallternative: Welche Produkte und Unternehmer findet man bei Euch?

Lukas: Es gibt viele Leute, die von DaWanda kommen, weil ihre Produkte – z.B. Upcycling-Möbel – nicht ganz selbst gemacht sind und sie sich daher nicht ganz aufgehoben fühlen. Dann gibt es aber auch viele „normale Anbieter“, ganz aktuell z.B. Mercy Would aus Berlin, die handgemachte Brillen aus Berlin anbieten, oder die
asiatische Kochbox 4Noo, die jede Woche mit Zutaten für unterschiedliche asiatische Gerichte überrascht. Es ist interessant aus wie vielen unterschiedlichen Ecken Interesse für das fraisr-Prinzip kommt.

fraisr_Marktplatz

smallternative: Schauen wir einmal auf die Konsumentenseite – wie sieht es da aus? Wie sehr blicken die Konsumenten darauf, was mit „ihrem“ Geld nach dem Einkauf passiert.

Lukas: Ich will unseren Usern jetzt nicht zu nahe treten, aber ich glaube, dass wir mit dem Konzept eher vielleicht ein weiteres Argument liefern – vielleicht das Zünglein an der Wage sind. D.h. der Konsum steht schon im Zentrum. Wenn es ihnen nur ums Spenden ginge, könnten sie ja direkt spenden.

smallternative: Inwieweit würdet ihr euch als „smallternative“ bezeichnen?

Lukas: Erst einmal sind wir für alle smallternatives, also kleine Unternehmen, eine Möglichkeit Cause-Related Marketing zu machen. Man könnte uns also als eine Art Multiplikator im Long Tail (Anmerkung: „Long Tail“ meint die große Menge der Produkte, die keinen massenhaften Absatz finden) bezeichnen. Bei uns verkauft eben nicht Nike, sondern eher ein kleiner, der nicht die gleiche Power hat. Insofern sind wir auch ein Anlaufpunkt für smallternatives. Und im Moment sind wir selbst natürlich sehr klein gegenüber anderen Marketplaces.
Aber: Natürlich haben wir schon die Vision, dass das irgendwann groß und erfolgreich wird. Gerade in Deutschland wäre das wünschenswert, weil Deutschland – entgegen der Selbstwahrnehmung als „Spendenweltmeister“ – gar nicht so spendabel ist. Wir stehen gerade einmal auf Platz 34 beim World Giving Index, wenn ums Geldspenden geht.

smallternative: Das hätten wir auch nicht gedacht! Lukas, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute mit fraisr!