Lemonaid: Diese Limo ist fairer als fair

lemonaidViele halten Idealisten für weltfremd. Sie ernten zwar oft Zustimmung und Anerkennung, aber ihrem eigentlichen Anliegen, die Welt zu verändern, wollen viele nicht ganz trauen. „Das ist doch nicht realistisch“ oder etwa „Hirngespinste von Gutmenschen“ heißt es dann. Unternehmer hingegen gelten oft als nüchterne, kühle Strategen, die sich an der Realität des Marktes ausrichten. Dabei muss beides kein Widerspruch sein – im Gegenteil: Echte Unternehmer haben sehr viel mit Idealisten gemein. Auch Unternehmer wagen es, die Welt zu verändern – mit ihren Produkten und Innovationen. Doch was, wenn man von Anfang an als Unternehmer das Ziel verfolgt, die Visionen einer besseren Welt zu verwirklichen? Bei einem spontanen Besuch im Lemonaid-Headquarter hatten wir Gelegenheit, mit Paul, dem Gründer zu sprechen und zu erfahren, wie man das anstellen kann.

smallternative: Was genau steckt hinter dem Konzept von Lemonaid bzw. Charitea?

Paul: Das Gesamtkonzept ist es letztlich, Produkte herzustellen, die den Zweck haben, gemeinnützige Projekte zu unterstützen. Der Gedanke kam mir, als ich  in der Entwicklungszusammenarbeit in Asien arbeitete und das Gefühl hatte, dass bei  größeren Organisationen wie etwa der UN Effizienzstrukturen fehlen. Es stehen zwar Mittel zur Verfügung, aber das Problem ist in meinen Augen, dass das Geld dort nicht selbst verdient wird. Dadurch leidet der Gedanke, mit dem Geld das Maximale zu erreichen.
Aus dieser Situation heraus, in der ich mich selbst auch als verschwenderisch und ineffizient wahrgenommen habe, entwickelte sich dann die Idee, unternehmerisches Handeln für sinnvolle Projekte statt zur bloßen Gewinnmaximierung einzusetzen. Das Ganze sollte möglichst schlank und ohne Zwischenorganisationen aufgebaut sein. Das war eigentlich der Grundgedanke von Lemonaid und Charitea. Als ich mit dieser Idee nach Deuschland zurück kam und Freunden davon erzählte, fanden die das total sinnvoll und gut nachvollziehbar. Zwei dieser Freunde, Jakob und Felix, haben damals gesagt: „Okay, wir finden das super und wollten das mit umsetzen.“

smallternative: Wie ging es dann weiter?

Paul: 2009 sind wir dann gestartet – im Kleinen. Wir haben selbst die Rezepturen zusammengemixt bei uns in der WG-Küche und auf Parties  mit Freunden getestet. Es gab also keine riesige Marktforschung, nur ein paar Feedbacks von Freunden. Und damit sind chariteawir dann gestartet. Die erste Abfüllung machten wir bei einem kleinen Biobetrieb und die ersten 40.000 Flaschen – das war sozusagen die Mindestauflage, die eigentlich viel zu groß für uns war – haben wir dann per Hand in Cafés hier in Hamburg geschleppt. In St. Pauli und Sternschanze waren dann unsere ersten Abnehmer. Ja, und dann hat sich das so herumgesprochen. Es gab einige Presseartikel darüber und die Leute haben gemerkt, dass wir das ernst meinen und wir nicht nur eine grüne Welle abreiten wollen, weil das gerade modern ist, und dass wir nicht vom Markt her denken, wo man grüner werden will, weil der Druck von außen dazu zwingt.
Bei uns war das eher umgekehrt: Wir wollten nichts machen, was nur uns die Taschen füllt und uns die Brötchen bringt, sondern auch etwas, was darüber hinaus geht. Und das merken die Leute, die mit uns zu tun haben und finden das im Zweifel auch spannender als irgendwelche Greenwashing-Kampagnen der Großen. So war das dann ziemlich erfolgreich und mittlerweile sind wir eigentlich von Norden bis Süden ganz gut vertreten – in Cafes, Restaurants, Clubs, aber auch bei manchen Einzelhändlern.

smallternative: Erzählt ihr manchmal den Kleinbauern, mit denen ihr zusammenarbeitet und die ihr ja persönlich kennt, wie das Produkt hier ankommt?

Paul: Ja. Vor zwei Wochen habe ich die Bauern in meinem Urlaub besucht. Die können sich das aber nur schwierig vorstellen – die leben in einer ganz anderen Welt. Die leben ja in Regionen, wo das urbane Leben kaum präsent ist. Da ist es für die kaum vorstellbar, wenn wir von angesagten Clubs sprechen, in denen die Limos getrunken werden. Aber die finden das lustig, wenn wir ihnen davon erzählen, die freuen sich. Lustigerweise finden z.B. die Bauern, von denen wir den Rohrzucker bekommen die Limonade selbst viel zu sauer.

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smallternative: Spricht sich unter den Bauern vor Ort herum, dass ihr ganz andere Preise zahlt und eure Produzenten zusätzliche mit der Finanzierung von Projekten unterstützt?

Paul: Klar, das ist sehr attraktiv für die Bauern. Bei der Plantage, wo ich gerade war, ist es tatsächlich so, dass sie von dem Mehrerlös, den sie erhalten, richtige Häuser auf einem eigenen Grundstück haben können. Wenn man da vorbeifährt und einer sagt, da wohne ich, glaubt man das gar nicht. Das ist echt beeindruckend. Die haben außerdem eine Krankenstation und sogar ein Altenheim realisieren können, Kindergarten und einen Schulbus, der die Kinder der Arbeiter zur Schule fährt. Das weckt natürlich auch das Interesse anderer Bauern. Allerdings können sie nicht von heute auf morgen auf einen bio-zertifizierten Betrieb umstellen, das dauert drei Jahre.

smallternative: Und hast Du den Eindruck, dass dieser relative Wohlstand tatsächlich möglich wird durch den letztlich winzigen Aufschlag, den ihr und die Konsumenten für die Rohstoffe bezahlt?

Paul: Ja, absolut. Das reicht aus, um das zu realisieren. Aber es darf vor Ort natürlich kein Scharlatan sitzen, der das Geld in seine eigenen Taschen stopft.

smallternative: Und wie kann man das sicherstellen?

Paul: Da muss man schon kontrollieren. Es sind zwei Töpfe. In einen kommt das Gehalt für den Tee, in den anderen kommt die Fairtrade-Prämie. Der zweite Topf wird von der Fairtrade-Organisation beobachtet. Die prüfen, was mit dem Geld genau gemacht wurde und ob es der Community zugute kam. Zusätzlich sponsern wir aber noch einen eigenen gemeinnützigen Verein, über den wir in den Anbauregionen noch einmal weitere Projekte unterstützen. Wir finanzieren z.B. eine Berufsschule, in der Menschen, die mit Tee gar nichts zu tun haben wollen, eine andere Ausbildung z.B. als Schneider, Mauerer, Englischlehrer, Tischler bekommen können. Dann haben sie die Möglichkeit, auch ganz andere Wege zu gehen als im Teeanbau tätig zu sein.

smallternative: Das heißt über den Fairtrade-Zuschlag hinaus habt ihr ein eigenes Fairtrade-System?

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Paul: Genau. Mit jeder Flasche, die wir verkaufen, geht ein fixer Betrag – momentan sind das 5 Cent – in den eigenen gemeinnützigen Verein, über den dann weitere Projekte finanziert werden. Je mehr Flaschen wir verkaufen, desto mehr Projekte können wir realisieren. Trotzdem wollen wir in der Kommunikation nicht so sehr moralisch argumentieren. Wir wollen ein Produkt, das gesund ist, das schmeckt und das besser ist als andere Produkte. Schon aus diesem Grund sollen unsere Getränke die Kunden überzeugen können.

smallternative: Das ist ein richtig langes und spannendes Gespräch geworden. Vielen Dank dafür! Wir drücken Euch die Daumen und glauben inzwischen fest daran: TRINKEN HILFT!