Die Server-Revolutionäre von Protonet

ProtonetPROTONET – das klingt nach Technik, aber nicht gerade nach einer Revolution. Und doch hat der „Chief Revolutionary Officer“, wie sich Ali Jelveh, einer der Gründer des Hamburger Startups, nennt, genau das vor. Viele glauben an seine Vision. In nur 48 Minuten hat das Team 200.000 € per Crowdfunding einsammeln können. Im Interview mit smallternative erklärte uns Ali, wie er mit einem kleinen Server die Welt verändern will.

smallternative: In einer Zeit, in der alle über die Cloud reden, bringt ihr eine Server-Box auf den Markt, die die Daten zurück in die Unternehmen, ins Büro, in die Teams bringt – sozusagen die private Cloud. Wie seid ihr auf die Idee gekommen und was kann euer Produkt?

Ali: Wir haben schon Ende 2008 die ersten Gedanken dazu gehabt. Damals haben Christopher und ich angefangen, erste Sachen an der Ursprungsidee zu bauen. Der Gedanke war: Wir geben den Leuten das Netz, das Internet zurück. Und das machen wir so, dass jeder zu Hause einen Access Point, einen Router hat, auf dem ein soziales Netzwerk läuft. Und dieser Router spricht mit dem Router des Nachbarn. Und der Nachbar-Router spricht mit dem Nachbarn dahinter usw. usf, sodass ein emergentes Mesh-Netzwerk entsteht, das komplett unabhängig vom jetzigen Internet funktioniert. Und dadurch, dass jeder einen kleinen Server hat, brauchst Du auch nicht mehr die riesigen Daten-Zentren usw. Das war die Ursprungsidee, dass ein Internet entsteht, das den Bürgern gehört.

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smallternative: Das heißt ihr baut sozusagen eine Open Source Hardware?

Ali: Nein, Open Source Hardware ist es nicht. Auch wenn wir das super finden und wir selbst ganz viele Komponenten, die open source sind, verwenden und wir auch eigene Komponenten open sourcen. Aber damit veränderst Du die Welt nicht. Der große Hebel für eine wirkliche Veränderung kommt aus dem Markt, indem Du eine Revolution schaffst, die dadurch funktioniert, dass die Leute etwas kaufen, was für sie einen wirklichen Nutzen hat und die DNA einer Veränderung beinhaltet. Und deshalb sollte es von Anfang an ein Produkt sein, das einfach funktioniert, das gut designed ist, das eine funktionierende Einheit bildet, wie ein iPhone z.B.
Smartphones gab es vor dem iphone ja auch viele, es gab Touchscreens, aber irgendwie hat sich da nicht viel bewegt, bis jemand etwas geschaffen hat, das an den richtigen Stellen funktioniert hat und richtig designed war.

smallternative: Also „Usability“ als Ansatz die Welt zu verändern?

Ali: Ja genau. Du kannst mit guter Technik, mit guten Produkten viele Leute dazu bringen, etwas anders zu tun. Und das war das Ziel. Wir haben dann angefangen dieses Produkt zu bauen, ohne zu wissen wie Hardware funktioniert. Also haben wir David gefunden, der Industriedesigner, der von Anfang an dabei war, haben Prototypen gebaut und z.B. Leute bei der XING AG das, was wir gebaut hatten, benutzen lassen. Stück für Stück kam aber heraus, dass diese Idee vom Nachbarschaftsnetz einfach zu früh war. Das war für die Leute einfach noch zu weit weg. Was aber klar wurde, ist, dass Unternehmen Interesse an so einer Lösung haben, eine Lösung die du hinstellst, wo du Storage hast, wo du Kommunikation und Kollaboration drauf hast und die Du nicht managen musst.

smallternative: Und wie läuft das Geschäft? Wer sind Eure Kunden?

Ali: Jetzt sind das hauptsächlich Agenturen. Viele Agenturen und ganz viele Kleinunternehmen. Das ist unsere Zielgruppe. Unser Ziel ist nicht, die großen Unternehmen mit ihren 10.000 Mitarbeitern zu gewinnen und ihnen Lösungen zu verkaufen, die 100.000 € kosten. Wir glauben, dass die Power bei den kleinen und mittleren Unternehmen liegt.

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smallternative: Stichwort „Daten – und Spionageskandal“. Der gibt euch und eurem Produkt ja irgendwie recht. Aber merkt man das auch beim Umsatz? Wie konsequent suchen Unternehmen jetzt nach anderen Lösungen und Alternativen?

Ali: Besonders am Anfang, als der Skandal öffentlich wurde hat man es gemerkt. Da klingelte das Telefon die ganze Zeit. Das lag dann weit über dem, was wir überhaupt bewältigen konnten. Und was man jetzt sieht, ist, dass sich auch viele andere Firmen in diesem Bereich positionieren. Doch letztendlich gibt es echte Datenhoheit nur, wenn dir auch die Technik gehört, auf der die Daten liegen. Und am Ende muss auch die Infrastruktur den Leuten gehören. Deshalb werden wir auch wieder zu unserer Ursprungsidee zurückkehren.

smallternative: Wie naiv waren wir, einer Handvoll amerikanischer IT-Giganten unser digitales Leben – sowohl geschäftlich als auch privat – anzuvertrauen?

Ali: Ich würde sagen, Menschen sind sehr pragmatische Wesen. Wenn Du ihnen eine einfache Möglichkeit gibst, Informationen zu teilen, dann werden sie die nutzen. Und wenn es keine Möglichkeit gibt, das sicher zu tun, dann werden sie das auch unsicher machen. Das kann dir jeder CIO von großen Firmen sagen, wie viele Probleme die damit haben. Daten haben auch so einen Eigenwillen, sich zu verteilen. Man kann den Menschen auch gar keinen Vorwurf machen. Es gibt kaum Alternativen. Die Alternative war bisher, sich einen eigenen Server zu bauen. Wer kann so etwas  machen?

smallternative: Etwas ganz anderes: Ihr habt eine lokale Zulieferkette aufgebaut. Welche Rolle spielt für Euch lokale Vernetzung und Produktion?

Ali: Das ist für mich einer der Kernpunkte. Ich möchte an einem anderen Weltentwurf arbeiten, einem wo die Produktion wieder lokal ist, wo Infrastruktur wieder den Leuten gehört, wo wir Menschen als Nachbarschaft, als Bürger Probleme erkennen können und entscheiden, wie wir sie beheben. Und das Wichtigste dabei ist, dass auch die Fertigung lokal erfolgt, dass du lokale Wertschöpfung hast und dabei umwelt- und ressourcenschonend arbeitest. Autarke Systeme und geschlossene Kreisläufe sind das Ziel. Wenn du wenige Riesensysteme statt 100.000 kleiner Systeme hast, sind die Folgen einer Fehlentscheidung womöglich gravierend. Beispiel Fukushima. Ich glaube dass ein System von vielen kleinen Einheiten die bessere Lösung ist. Wir wollen beweisen, dass man auch im Hardware-Bereich kleinere Einheiten lokal produzieren kann.

smallternative: Das leitet gut über zu unserer letzten Frage: Wenn kritische Konsumenten das Stichwort „Hardware“ hören, denken sie vor allem an miserable Arbeitsbedingungen und Umweltzerstörung in Asien. Kauft man mit dem Protonet Server auch ein umwelt- und menschenfreundlicheres Produkt?

Ali: Auf jeden Fall. Wir bauen die Server hier in Hamburg zusammen. Alles passiert zentral von unserem Standort aus. In der Fertigung verwenden wir keine Verbundmaterialien, keine Klebstoffe usw. Stattdessen kommt viel Metall zum Einsatz, was natürlich etwas teurer ist, aber wesentlich länger hält und voll recyclebar ist. Unser neuestes Modell ist sogar komplett passiv gekühlt, was den Stromverbrauch erheblich senkt. Das Problem ist, dass es z.B. keinen deutschen Hersteller von Mainboards gibt, also nicht alle Komponenten aus lokaler Produktion stammen können.
Das ist aber auch etwas, dass sich verändern wird, davon bin ich überzeugt. Wir werden in einer Zukunft leben, in der es „Micro-Fabs“ gibt, quasi Chip-Fabriken nach dem Vorbild der 3D-Drucker-Produktion, nur eben für den Bereich Elektronik.

smallternative: Vielen Dank für das Gespräch und euch alles Gute!