Das LOKAL – eine Keimzelle von „handmade“

smallternative zu Besuch im LOKALDer Ort hat fast etwas Mystisches. Eher unauffällig, etwas weggeduckt zwischen angrenzenden Wohnhäusern und Gewerbeeinheiten, würde man das alte Stadthaus in Hamburg-St. Pauli glatt übersehen – wäre da nicht das grelle Grün. Doch kaum hat die „grüne Villa“ den Blick erst einmal gefangen, zieht sie Passanten in ihren Bann. Man spürt, das ist kein Haus wie jedes andere. Nicht selten wird das „LOKAL“ für Mode- und Foto-Shootings genutzt, hin und wieder auch für rauschende Feste. Meistens aber finden sich hier Leute ein, die etwas selbst machen wollen, die experimentieren und Ideen haben. „Neue Ideen brauchen einen Ort zum Austesten“, erklärt Ragna. Einen Ort wie die Villa.

Ragna erwartet uns drinnen, hinter der kleinen Bar. Die Räumlichkeiten strahlen einen eigenen, verwunschenen Charm aus. Der bröckelnde Putz an den Wänden legt das Mauerwerk stellenweise frei. Die sichtbar werdenden Backsteine erzählen die Geschichte vom Anfang der Villa, als diese Mauern von Hand erbaut wurden. Und so spielen sie auf das an, worum es uns bei unserem Besuch vor allem geht: um Handgemachtes. Wir wollen etwas über „handmade“ erfahren, über eine Bewegung, die z.B. das Stricken oder generell den Spaß am Selbermachen (wieder)entdeckt. Was die „handmade-Community“ ausmacht und was das LOKAL damit zu tun hat, haben wir im Interview mit Ragna, der Koordinatorin und guten Seele der Villa, herausgefunden.

smallternative: Ragna, was verbindet das LOKAL mit der handmade-Szene?

Ragna: Allgemein ist das LOKAL ein Ort, wo man sich austauschen, sich vernetzen, sich auszuprobieren kann. Und ganz konkret kann man hier z.B. abends zum Strickclub kommen – auch ohne Nadeln und Wolle – und sich von den anderen Teilnehmen beibringen lassen, wie man strickt.

smallternative: Was reizt die Leute daran?konsumkultur_hamburg

Ragna: Ich denke auf diese Weise kann man z.B. etwas Selbständigkeit und Unabhängigkeit vom Markt zurückerobern, weil man dabei lernt, Dinge selbst herzustellen. Beim „Etsy-Lab“ – einer Art Bastelabend – ist das ähnlich. Man lernt mit einfachen Mitteln schöne Dinge herzustellen, z.B Verpackungen für Geschenke oder eigene T-Shirts zu bedrucken. Der Spaß, den die Leute dabei haben, führt auch zu einer weiteren Beschäftigung mit der Frage, was man alles selbst produzieren kann und nicht einzukaufen braucht.

smallternative: Und was ist das sonst noch so?

Ragna: In diese Richtung geht auch „Marmeladenfabrik“, ein Projekt meiner Kollegin Ulrike, bei dem wir im Garten des Lokals Früchte gesammelt haben, um sie zur hauseigenen Marmelade zu verkochen. Am Erntedankfest haben wir auch ein Event namens „Das hässliche Erntlein“ organisiert. Dabei haben wir Obst und Gemüse, das nicht in den Handel kommt, weil es zu klein, zu „hässlich“, zu unförmig ist, gesammelt und anschließend noch vor Ort verwertet.

smallternative: Wie gehen die Leute aus den Veranstaltungen raus, in denen sie etwas selbst gemacht haben? Welches Feedback bekommt ihr?

Ragna: Die Leute sind sehr begeistert. Beim Erntedankfest haben z.B. viele gefragt, wo man dieses Gemüse kaufen kann. Dabei wird dieses Essen normalerweise an Tiere verfüttert oder gar weggeworfen, weil es in den Ladenregalen einfach liegen bleibt. Das Feedback ist also sehr positiv. Die Leute sind wieder interessiert daran, wie Dinge hergestellt werden, Dinge, die ihre Großeltern oft noch selbst gemacht haben.

smallternative: Was geht denn verloren, wenn man Dinge nicht selbst herstellt?

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Ragna: Ein bisschen die Wertschätzung. Was man selbst gemacht hat, damit geht man anders um. Wenn ich ein T-Shirt selbst gestalte – z.B. besticke – hat es einen symbolischen, ideellen Wert, der über dem materiellen Wert liegt. Unabhängig vom Style ist es auf jeden Fall etwas Eigenes.

smallternative: Das Lokal ist ja eine Art Keimzelle der handmade-Community in Hamburg, kann man das sagen?

Ragna: Ja, auf jeden Fall. Es ist ein Treffpunkt und Ort, an dem viele Gedanken vorangetrieben wurden. Den Strickclub gibt es jetzt seit 3 Jahren und er hat das Thema lange vor Trends wie dem „urban knitting“ (das Einstricken von Bäumen) hier in kleiner Runde gemacht. Die haben auch das „hooked garn“ als erste verkauft.

smallternative: Warum können sich so viele Menschen für das Stricken begeistern?

handmade-community

Manifest von „hello handmade“

Ragna: Das hat auch etwas Meditatives. Durch den lagen Prozess der Herstellung entwickelt man auch eine ganz andere Bindung zu den Produkten. Vielleicht hat man die ganzen Rohstoffe davor eingekauft. Außerdem überträgt sich diese handmade-Mentalität auch auf andere Lebensbereiche. Das Selbermachen regt zum Nachdenken darüber an, wie etwas hergestellt wird, welche Arbeitsschritte dahinter stehen, wie viele Menschen dabei involviert sind, wie viele Stoffe – chemische oder natürliche – für die Herstellung nötig sind. Egal ob Stricken, alte Möbel restaurieren, die eigenen Kartoffeln im Garten oder sonst etwas: Man denkt anders darüber nach, wenn man Dinge selbst macht.

smallternative: Bringt „handmade“ ein bisschen den Kontext zurück, der verloren gegangen ist?

Ragna: Das würde ich so sehen. Ich unterstelle einfach mal, dass Leute aus der Do-it-yourself-Szene stärker darüber nachdenken, was hinter Wertschöpfung und einem fertigen Produkt steckt.

smallterantive: Wir wünschen Euch und dem LOKAL viel Glück und noch viele spannende Ideen und Workshops. Und danke für Deine Zeit!